Kiel, das ist eine Stadt an der Ostsee mit einer langen Geschichte und einer Entwicklung, die sich im 19. und 20. Jahrhundert rasant beschleunigt hat. Lassen sie sich überraschen auf einem Rundgang durch das heutige Kiel.

Wir starten am Alten Markt. Graf Adolf IV. von Holstein gründete in den dreißiger Jahren des 13. Jahrhunderts die Stadt. 1242 wurde Kiel das Stadtrecht verliehen. Die ursprüngliche Anlage des Alten Marktes ist zwar durch die Bebauung mit mehreren Pavillons in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts stark überformt worden, gleichwohl ist der typische Marktplatz einer Gründungsstadt des 13. Jahrhunderts noch zu erkennen. An der Südostseite des rechteckigen Platzes befindet sich noch heute die älteste städtische Pfarrkirche St. Nikolai. Links neben dem Hauptportal der Kirche steht Ernst Barlachs berühmter “Geistkämpfer” (1928). In unmittelbarer Nähe der Nikolaikirche, an der östlichen Seite des Marktes, lag das alte Rathaus, das im Zweiten Weltkrieg schwer getroffen und nach dem Krieg nicht wieder aufgebaut wurde. Reste der Kellergewölbe können in dem Restaurant/Bar “Mango`s” besichtigt werden.

Rechts von der Nikolaikirche an ihrem Chor vorbei gelangt man in die Flämische Straße, die zum Hafen und auch zum Kieler Rotlichtviertel führt. Der Name dieser Straße, die im 13. Jahrhundert “Straße der Flamen hieß”, deutet auf die Handelsbeziehungen der Kieler Bürger aus Flandern hin. Von Westen kommend fuhren diese Kaufleute auf Schiffen entlang der Eider bis Flemhude (“flämische Schiffslände”), ca. 12 km östlich von Kiel, wo sie ihre Waren in Wagen umluden und zum Kieler Hafen brachten. Die Verbindung Kiel-Flemhude erinnert an Lübeck und seinen “Nordseehafen” Hamburg, aber eine ernst zu nehmende Konkurrenz ist Kiel nie für Lübeck, das mächtige “Haupt der Hanse”, gewesen.

Zurück zum Markt: Vom Nordosten des Platzes gelangt man in die Falckstrasse, in der nach wenigen Schritten die Überreste des früheren Franziskanerklosters erreicht werden. Stifter des Klosters war der Stadtgründer Adolf IV, der auch seine letzten Lebensjahre als Mönch in dem Konvent verbrachte. Nach der Reformation war hier lange Zeit die 1665 gegründete Christian-Albrechts-Universität untergebracht. Heute beherbergen die ehemaligen Klostergebäude ein katholisches Studentenheim. Nur das frühere Refektorium und Teile des Kreuzgangs mit der Grabplatte Adolfs IV. aus dem 14. Jahrhundert sind erhalten.

In nördlicher Richtung gelangt man durch die Dänische Straße bzw. Schlossstraße zum Schloss, das bis auf den sogenannten Rantzauflügel ein Neubau der 1960er Jahre ist. Hier war im Mittelalter die einzige Landverbindung der Stadt, die die landesherrliche Burg kontrollierte. Auf dem Weg zum Schloss passiert man in der Dänischen Straße das Stadtmuseum im Warleberger Hof, einem früheren Adelshof. Zum Ausgang des Mittelalters und während der frühen Neuzeit war Kiel eine adlige Landesstadt. Bis zu einem Sechstel der Häuser Kiel waren in adligem Besitz und damit steuerfrei. Die reichen Adligen entfalteten in der Stadt ein reges gesellschaftliches Leben und gingen alljährlich im Januar auf dem “Umschlag”, dem Kieler Geld- und Kreditmarkt, dessen Einzugsbereich bis nach Dänemark und Nordwestdeutschland reichte. Kiel war somit schon im Mittelalter ein Zentrum der norddeutschen Finanzwelt.

Hinter dem Schloss, im ehemaligen Schlossgarten, steht das Denkmal für die Gefallenen des deutsch-französischen Krieges von 1870/71 und das Reiterstandbild Kaiser Wilhelms I. Von hier aus hat man einen guten Blick auf das Ostufer und auf das Werftgelände von HDW (Howaldtwerke Deutsche Werft AG). Bis weit ins 19. Jahrhundert hinein war Kiel eine kleine, auf den Besucher geradezu verträumt wirkende Universitätsstadt. Die Einrichtung der preußischen Marinestation bedeutete faktisch eine Neugründung der Stadt, die nun eine rapide Industrialisierung durchlief. Bis 1914 stieg die Bevölkerung auf ca. 225.000 Einwohner – beinahe zehnmal soviel wie knapp 50 Jahre zuvor! Kaiser Wilhelm II. nutzte Kiel mit seiner großen Flotte und insbesondere der 1882 zum ersten Mal ausgetragenen Kieler Woche zur maritimen Machtdemonstration Deutschlands.

Kiel war im Kaiserreich aber auch von starken sozialen Spannungen geprägt. Bezeichnenderweise nahm die Revolution 1918 ihren Ausgang in Kiel. Die Abrüstung nach dem Versailler Vertrag stürzte Kiel in eine schwere Krise, aus der die Aufrüstung der NS-Zeit scheinbar herausführte, ehe die Stadt im Bombenhagel des Zweiten Weltkrieges weitgehend zerstört wurde.

Setzen wir unseren Spaziergang noch ein wenig in nördlicher Richtung fort! Hinter dem Denkmal Kaiser Wilhelms I. liegt zu Füßen der renommierten Kunsthalle. Zuvor überqueren wir einen öden als Parkplatz genutzten Sandplatz. Hier befand sich von 1876 bis zum Zweiten Weltkrieg das prächtige Hauptgebäude der Kieler Universität. Vorbei an der “Seeburg”, einem 1913 aus Anlass des 25-jährigen Regierungsjubiläums Kaiser Wilhelms II. gegründeten Studentenheim, gelangt man zur Promenade des Hindenburgufers. Nach wenigen Minuten werden die ehemalige Marineakademie, in der seit 1947 der schleswig-holsteinische Landtag untergebracht ist, und der Olympiahafen von 1936 erreicht; gegenüber vom Olympiahafen erhebt sich das weltberühmte Institut für Weltwirtschaft der Kieler Universität.

Nun gönnen Sie sich doch einen Kaffe oder ein Eis in einem der kleinen Cafés und Restaurants und erholen sie sich von Ihrem Spaziergang durch die Kieler Geschichte.

Thomas Hill (http://www.historikertag.uni-kiel.de/rundgang.html)